Verfasst von: meryemdeutschemuslima | 9. März 2010

Parallelwelten – Fundstücke aus der Leserbriefecke

Es muss wohl so sein, dass ich nicht ganz von dieser Welt bin, jedenfalls scheint es mir so, wenn ich die Meinungen anderer SZ-Leser zur Kenntnis nehme. Z.B. hier:

Irans Opposition hat mehr Solidarität verdient Sanktionen müssen die iranische Führung treffen. Und die Opposition stärken? Wir Deutsche schaffen es ja nicht mal, eine Solidaritäts-Kundgebung für
die mutigen Iraner, die sich gegen ein Terrorregime wehren, auf die Beine zu stellen. Da lobe ich mir die klaren Worte unseres Bundesaußenministers Guido Westerwelle, der nach seinen Reisen nach Israel
und Saudi-Arabien deutlich das brutale Vorgehen der Staatsmacht in Teheran gegen unschuldige Demonstranten verurteilte. Dies reicht aber nicht. Wenn weiter Unschuldige in Iran hingerichtet werden,
müssen wir gegen ein von kranken Mullahs gesteuertes Regime demonstrieren. Haben wir denn schon vergessen, dass bei uns ebenfalls ein Unrechts-Regime durch Gebete und friedlichen Protest
in die Knie gezwungen wurde? Wir Europäer sind jetzt an der Reihe, einen effektiven Mix aus Sanktionen und moralischer Unterstützung für das iranische Volk auf die Beine zu stellen. Wegschauen
wäre feige; dies sollten auch führende deutsche Unternehmen wissen. Das iranische Volk will ohne Bevormundung von Hasspredigern sein Leben selbst bestimmen.

E.C.
Rödermark

Den Namen des Autors habe ich gekürzt. So, also, er lebt in einer Parallelwelt zu meiner in der: “die mutigen Iraner sich gegen ein Terrorregime wehren” O.K. – mutig sind sie die Iraner und so haben sie auch vor über dreißig Jahren ein Terrorregime zu Fall gebracht. Und natürlich wollen sie ohne Bevormundung von Hasspredigern” ihr Leben selbst bestimmen. Tun sie ja auch, denn ihre geistliche Führung ist nicht auf dem Niveau von “Hasspredigern” angesiedelt, Gott bewahre. Aber in der Parallelwelt liest man nicht die weisen Worte eines Imam Chamenei.

Demonstrationen gibt es, ohne Frage. Allerdings:das brutale Vorgehen der Staatsmacht in Teheran gegen unschuldige Demonstranten” - hä? Da gab es keine Brandstiftungen und Körperverletzungen seitens der  Demonstranten? Womöglich angestiftet von denen, die von den USA dafür bezahlt werden, Unruhe zu stiften?

Dass es gegen das Wahlergebnis keine fundierten Einwände gibt und deshalb das iranische Volk wohl mit überwiegender Mehrheit mit seiner Regierung zufrieden ist, erwähne ich nur kurz.

So jetzt aber zu dem, was mir wirklich das Gefühl gibt, dass entweder ich oder er (der Leserbriefschreiber) nicht von dieser Welt sind:

“Da lobe ich mir die klaren Worte unseres Bundesaußenministers Guido Westerwelle, der nach seinen Reisen nach Israel und Saudi-Arabien deutlich das brutale Vorgehen der Staatsmacht in Teheran gegen unschuldige Demonstranten verurteilte”

Ich weiß jetzt nicht, was die Reisen in diese zwei Unrechtsstaaten mit dem Iran zu tun haben – aber dass diese mal eben so hingeworfen werden, lässt mich erschaudern:

Anscheinend ist es nicht der Erwähnung wert, dass es in Saudi-Arabien gar keine Wahlen gibt, gegen deren angebliche Fälschung man demonstrieren könnte? Außer Kommunalwahlen und da dürfen die Frauen nicht mitwählen. Ansonsten handelt es sich um eine Diktatur eines dekadenten Königshauses, dass seine Bürger angeblich nach der Scharia leiten lässt, wobei die Auslegung dieser eine gelinde gesagt sehr eigenartige ist und die Justiz völlig willkürlich. Hier gibt es keine Demonstrationen.

wiki zum politischen System in S.A.

wiki und Menschenrechte in S.A.

Der Unterschied zum Iran: Saudi-Arabien ist bester Freund der USA. Und da sind dann die Menschenrechte wurscht.

Und Israel? Muss ich zu diesem Regime aus “Hasspredigern” noch was sagen? Ein Land, dass auf Landraub gegründet wurde und diesen stetig weiter betreibt? Dass Teile der Bevölkerung in Ghettos sperrt, ihm die basalste Versorgung versagt und hin und wieder dann in kollektiver Bestrafung mal Hunderte Zivilisten ermordet?

Auch kein Problem für Herrn Westerwelle und seine Freunde. Schließlich ist es “Staatsdoktrin”, Israel immer zu unterstützen, egal welche Verbrechen es begeht. Pfui.

Tja, wer ist hier nicht von dieser Welt? Über den Iran kann man diskutieren – das tun die Iraner auch. Aber von “kranken Mullahs” zu sprechen zeugt davon, dass der Herr E.C. sich damit auch nicht im Geringsten beschäftigt hat. Für jemanden der stolz darauf ist, am Sturz eines Unrechtsregimes mitgewirkt zu haben, ist er erstaunlich wenig an Realitäten interessiert.

Ein anderer Leserbrief, von S.J. aus Hamburg, mit den “Mullahs” hat er es auch – beliebtes Wort ohne Sinnzusammenhang mit der iranischen Regierung – aber immerhin hat er doch eine kritische Anmerkung zu Israel:

……Das Mullah-Regime nutzt das Atomprogramm als Druckmittel gegen das Ausland, um im Inland Solidarität zu schaffen. Nicht mehr und nicht weniger.
Indes muss die Frage erlaubt sein: Warum lässt Israel seine Kernwaffen nicht von UN-Inspektoren und anderen weltweiten Gremien überwachen? Dann würde seitens Irans ein gewichtiges Argument schon mal wegfallen.

Tja, da kreuzen sich die Parallelen immerhin mal kurz.


Verfasst von: meryemdeutschemuslima | 7. März 2010

Träume und Erinnerungen

Verfasst von: meryemdeutschemuslima | 7. März 2010

Ich freu mich schon, dass die Amerikaner bald aus Incirlik abziehen!

Aber warum sollte sie das tun, die US-Army? Ganz einfach, weil die Türkei natürlich gekränkt auf den “Beschluss” des US-Repräsentantenhauses reagiert, die Verbrechen gegen Armenier 1915/16 als Völkermord zu deklarieren. In den USA ist sicherlich bekannt, dass so etwas beleidigte Reflexe in der Türkei auslöst, vielleicht will man ja gerne die Incirlik-Basis schließen und weiß nur nicht, wie begründen?

Spaß beiseite: wahrscheinlich bleibt das ein Traum, dass die Türkei die Amerikaner samt ihrer Atombomben rauswirft. Aber schön wär´s doch und immerhin wird darüber nachgedacht. Schließlich gibt es keinen Grund, von türkischem Boden aus die Nachbarstaaten zu bedrohen, mit denen die Beziehungen immer gutnachbarlicher werden, während die amerikanischen “Verbündeten” nicht nur in der armenischen Angelegenheit ein mindestens doppeltes Spiel spielen. Raus aus der NATO und bloß gar nicht erst rein in die EU, statt dessen ein souveränes Land mit guten Beziehungen zu seiner Nachbarschaft, das wär mein Traum für meine zukünftige Heimat.

In die EU will die türkische Bevölkerung sowieso nicht mehr – wer kann es ihnen verdenken. Und die Türkei braucht auch die EU nicht, andersherum sieht das ganz anders aus. Griechenland müht sich gerade redlich, die Beziehungen zu verbessern – die Türkei ist nämlich nicht pleite, im Gegenteil.

Achso, ich war ja bei den Armeniern. Also, warum ist es wichtig, wie man diese Verbrechen nennt? Es hat sie gegeben, das streitet wohl niemand ab und da es sich nicht um “diesen” türkischen Staat gehandelt hat, wüßte ich nicht, warum man sich dafür mehr schämen sollte, als wir Deutschen für die Verbrechen der Nazis: nicht in Vergessenheit geraten lassen, aber keine persönliche Erbschuld. Und die Türken haben diese Zeit durchaus nicht vergessen – allerdings sehen sie auch eine andere Seite und die zeigt, dass ebenso zigtausende Türken Opfer der von Russland benutzten Armenier waren.

In unserer türkischen Familie ist unvergessen, dass 7 (!) Brüder des Großvaters meines Mannes verschleppt wurden und nie zurückkehrten. Der Stein, auf dem der Kleinste damals gesessen hat und seinen Brüdern nachgewunken, ist heute noch ein Gedenkplatz für die Familie. Solche Geschichten haben viele Familien im türkischen Osten. Und die Türkei hat seit Jahren Austausch unter Historikern angeboten, Armenien ziert sich aber noch. Wobei das armenische Volk, dem es dreckig geht, ebenfalls abwinkt was die “Völkermord”-Bewertung angeht. Dort will man nichts als friedliche, nachbarschaftliche Beziehungen.

Also kann man wohl diesen ganzen Resolutionsquatsch als einen unter vielen Versuchen bewerten, die Türkei seitens ihrer amerikanischen “Freunde” zu ducken und kleinzuhalten. Nur sind diese Zeiten vorbei und das Land ist selbstbewußt geworden und macht sich nicht wirklich was draus (dass man laut tönt, gehört zum Spiel). Im Gegenteil, da diese Resolution seit Jahren immer wieder im Frühjahr diskutiert wird, freut man sich, wenn sie jetzt durchgeht. Dann haben die Amerikaner erstmal nichts, womit sie noch drohen könnten. Im Gegensatz zu den Türken, die können mit Rauswurf drohen – ach, es wäre zu schön.

turkishpress zum Thema

interessant: wer ist wirklich verantwortlich?

P.S. Haben eigentlich die Amerikaner ihren Völkermord an denen, die das Land vor ihnen bewohnt haben, schon beim Namen genannt?

Verfasst von: meryemdeutschemuslima | 6. März 2010

Samba-Queen

Diese Dame hab ich auf der Expo in Hannover fotografiert und neulich aus meiner Fotokiste gekramt und jetzt musste sie beim Basteln dran glauben.

Verfasst von: meryemdeutschemuslima | 4. März 2010

Warum haben sie Angst vor uns? Nachlese zum Abend unter Islamkritikern

Bismillah

Natürlich bin ich noch in Gedanken beim gestrigen Abend. Und ich habe ein bisschen in den Broschüren und flyern geblättert, die ich mir mitgenommen habe. Wie gesagt: Aggression und Angst hängen zusammen und ganz klar besteht eine ausgesprochen angsterfüllte Atmosphäre gegenüber dem Islam und den Muslimen. Wobei der Islam in seiner Gesamtheit als Ideologie verurteilt wird und nicht als Religion anerkannt – absurd bei einer Weltreligion, während es bei den Muslimen “solche und solche” gibt. Gut sind die “säkularen Muslime” – etwas, dass es nicht geben kann. Gerade noch erträglich sind die bis zur Unkenntlichkeit assimilierten Muslime, die den Rest ihres Glaubens unsichtbar praktizieren. Böse sind diejenigen, die selbstbewußt auftreten und ihr Leben wie jeder andere Bürger leben wollen, inklusive äußerer Zeichen ihres Glaubens, seien es die Kleidung oder ansehnliche Moscheebauten. Am schlimmsten sind natürlich die “Verräter” wie ich, die freiwillig die Freiheit der “jüdisch-christlichen” Werteordnung verlassen haben, um sich dem Zwangssystem des Islam zu unterwerfen.

So die Zusammenfassung dessen, was die Islamkritiker ausstrahlen.

Sonderbar: Während ich die Freiheit genieße, mich niemandem außer dem allmächtigen und liebenden Gott zu unterwerfen, fürchten diese mich – wo sie doch diese Freiheit auch haben. Wie kommt es bloß, dass das so viele Mitmenschen nicht erreicht?

Ein Punkt (es gibt einige mehr) ist, dass das Konzept vom “Haus des Friedens” und “Haus des Krieges” verbreitet wird, sowie dass behauptet wird das System der “dhimma” sei ein Unterdrückerisches.Bezogen wird sich gerne auf die Sure 9 des Heiligen Koran, “At-Tauba” – die Reue. Genannt wird diese Sure aber auch “die Lossagung” oder “von der Peinigung”. Darin enthalten sind Drohungen gegen die “Mushrik” – die ungläubigen Polytheisten, die vertragsbrüchig gegenüber den Muslimen geworden sind.

Gerne zitiert wird beispielsweise aus dieser Sura: “Und wenn die heiligen Monate (in denen nicht gekämpft werden darf) abgelaufen sind, dann tötet die Götzendiener wo immer ihr sie findet und ergreift sie und belagert sie und lauert ihnen aus jedem Hinterhalt auf” (9:5)

Nichtmuslime, die eine Koranübersetzung in die Hände bekommen und nichts über die historischen Zusammenhänge wissen, können natürlich leicht glauben, das sei gegen sie gerichtet und Konzept des Islam, alle “Ungläubigen” umzubringen. Es sagt ihnen ja auch niemand, wie problematisch die Übersetzung aus dem Arabischen ist, wer Tafsir machen darf, welche geschichtlichen Ereignisse sich in der Zeit der koranischen Offenbarung ereignet haben.

Sind wir Muslime also selber schuld daran, dass ein verfälschtes Bild des Islam entsteht? Teil, teils meine ich. Solange wir nicht zusammenstehen  und  unsinnige, nichtislamische Konzept wie das vom Haus des Friedens-Haus des Krieges richtig stellen, solange bleibt dieses in den Köpfen der Nichtmuslime als gültige islamische Ideologie. Und in der Tat: es gibt Muslime die immer noch so denken und sich so verhalten. Sie lassen sich benutzen von dem was frühe unterdrückerische Herrscher im Namen des Islam verbrochen haben. Und lassen damit auch zu, dass die islamische Gemeinschaft gespalten wird. Schon die ersten 100 Jahre nach dem Ableben des Propheten Muhammed, s.a.s., brachten durch die Diktatur der Umayyaden brachten solche gravierenden Veränderungen, dass der Islam wie er im ersten islamischen Staat von Medina gelebt wurde, nicht mehr zu erkennen war:

  • die Ausweitung des Staatsgebietes durch islamisch nicht gerechtfertigte Eroberungskriege
  • die Einführung eines despotischen erblichen Kalifats (nicht zu verwechseln mit der vom Propheten, s.a.s., bestimmten Nachfolge der Imame aus seiner Nachkommenschaft)
  • Widerruf des islamischen Konzeptes der Gleichberechtigung aller Menschen und Erhöhung der Araber, und unter diesen der Quraisch, vor anderen Menschen
  • Willkür bei der Verteilung der Staatseinnahmen und bei der Rechtsprechung
  • ausschweifendes Leben der Herrscher bei gleichzeitiger Unterdrückung jeglicher Kritik

Ist es ein Wunder, dass diese Tatsachen sich bei den Nichtmuslimen eingeprägt haben? Es ist ein Versäumnis der islamischen Geschichte und der heutigen Umma, dass nicht deutlich ausgesprochen wird, dass der Prophet, s.a.s., solches nicht gelehrt hat. Ein großer Teil der Muslime ist aber geschichtlich nicht interessiert oder fällt auf das Märchen der Überlegenheit der Muslime herein.

Das ist unser Anteil an dem Dilemma.

Dazu kommt, dass viele Muslime wirklich kein Vorbild sind, was die islamische Lebensweise, Respekt, Höflichkeit, liebevoller Umgang mit ihren Mitmenschen angeht. Und die Bemühungen aller Geschwister, “Gutes zu gebieten und Schlechtes zu verwehren” müssten viel stärker sein.

Aber andererseits:  muss man als Nichtmuslim alles glauben, was an Hetze verbreitet wird? Kann man nicht auch den eigenen Kopf benutzen, lesen, reden, fragen und herausfinden, ob das alles so stimmt? Darf ich als Bürger eines freien Landes mich einfach so mit Vorurteilen vollstopfen lassen, ohne kritisch nachzufragen? Muss ich nicht als Bürger eines Landes mit einer Geschichte wie der unsrigen ganz vorsichtig sein bei allen Aussagen, die eine Pogromstimmung hervorrufen? – aber sicher muss man das. Wer die Freiheit behalten will, der muss sie auch verteidigen, als erstes die Freiheit seiner eigenen Gedanken.

Wir können andere nicht verändern, aber bei uns selber können wir anfangen und das gilt für alle, Muslime wie Nichtmuslime.

Mein junger Bruder Taner scheint heute irgendwie in ähnlicher Stimmung zu sein und hat gedichtet

Verfasst von: meryemdeutschemuslima | 4. März 2010

(Fast) allein in der Höhle des Löwen – ein Abend unter “Islamkritikern”

Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Barmherzigen

“Im Namen Allahs, des Allerbarmers, des Barmherzigen”

“Sprich: Oh ihr Wahrheitsleugner

Ich diene nicht dem, dem ihr dient

und ihr dient nicht dem, dem ich diene

und ich werde nicht Diener dessen sein, dem ihr dient

und ihr werdet nicht Diener dessen sein, dem ich diene

Ihr habt eure Religion und ich habe meine Religion”

(Heiliger Quran, Sure 109 Al-Kafiruun)

Ich hatte heute meinen abenteuerlustigen Tag und darum habe ich es gewagt, eine sogenannte Informationsveranstaltung ausgewiesener sogenannter Islamkritiker aufzusuchen. Überschrieben: “Wie tolerant ist der Islam” und  veranstaltet von der “Bürgerbewegung Pax Europa” und “Christian Solidarity International”, unterstützt von der “Politically Incorrect” Gruppe München.

Ihr kennt mich: eine coole politische Analyse ist nicht mein Ding und mit dem kurz fassen hab ich auch so ein Problem. Drum fang ich einfach mal an zu erzählen und wenn ich heute Nacht nicht mehr fertig werde, dann mach ich eben morgen weiter. Ich werd mal versuchen, meine ganz persönlichen Eindrücke und die Zusammenfassung der Vorträge voneinander zu trennen, ebenso wie die sachlichen Antworten auf bestimmte Vorwürfe dem Islam gegenüber – die meisten dieser Anschuldigungen habe ich allerdings schon mal angesprochen und werde dann ggf. dorthin verweisen.

Ich war nur fast alleine – erst einmal hatte ich einen netten Tischnachbarn (*rüberwink*), zweitens waren zwei islamische Brüder da, die tapfer versucht haben, den Islam zu erläutern wie er wirklich ist. Dass sie dabei gegen eine Übermacht mit festgefügter Meinung keine Chance hatten war klar.

Falls Ihr Euch fragt, was ich getan habe: ich war stille. Erstens hab ich mich noch nicht wirklich davon erholt, auf der letzten Veranstaltung bei der ich den Mund aufgemacht habe, angespuckt worden zu sein. Zweitens wollte ich mal ganz in Ruhe mitschreiben und zuhören. Ich war also so unauffällig wie möglich. Das hat den Vorteil, dass “Volkes Stimme” sich nicht auf die Zunge gebissen hat im meiner Nähe und was da so herauskommt, kann ganz schön furchterregend sein, aber sonst bekommt man es nicht zu hören.

Die Veranstalter haben sich sehr bemüht, im Rahmen der Verfassung zu bleiben, zum Leidwesen mancher Anwesenden, die sich gerne gewünscht hätten, dass man “schon weiter” wäre. Als die offiziell anwesenden Muslime die Veranstaltung verlassen hatten, wurde der Ton auch sehr viel weniger moderat, auch seitens der Veranstalter.

Als gelernte Deeskalationstrainerin weiß ich: Angst und Aggression sind ein Paar. Wenn also eine solch angstbesetzte Stimmung gegenüber dem Islam herrscht, dann müssen auch wir Muslime uns fragen, ob und was wir etwas falsch machen – und da gibt es natürlich Grund zur Selbstkritik. Andererseits: man kann die Ängste von Menschen auch schüren und ausnutzen und das wird hier ganz offensichtlich getan.

Versuch ich mal, auf die zwei Referate einzugehen:

Wilfried Pohl-Schmidt, katholischer Theologe, Jahrgang 1944, hat sein Theologiestudium um die Zeit des 2. vatikanischen Konzils absolviert – wie er sagt in einer dem Islam positiv gegenüberstehenden Atmosphäre. Er nahm an Gesprächsrunden mit Muslimen teil, hat aber selber den Koran erst viel später gelesen und fühlt sich im Nachhinein betrogen von dem wie er sagt “friedlich-freundlichem Geschwätz” dass er in den Dialogveranstaltungen damals als Islam vorgestellt bekam. Erst beim Eigenstudium des Korans und des Lebens des Propheten Muhammed, Friede und Segen sei mit ihm, sei ihm die Wahrheit über den Islam aufgegangen. Und – wie es natürlich bei den Veranstaltern klar ist – ist die Fragestellung “Wie tolerant ist der Islam” natürlich schon beantwortet – nämlich gar nicht.

Überwiegend ging Herr Pohl-Schmidt auf vorgebliche Judenfeindlichkeit des Islams ein. Jetzt muss man trennen: Die üblichen Verse über die “Ungläubigen”, denen man “auf die Nacken hauen” muss usw. wurden natürlich zitiert. Wie immer, aus dem Zusammenhang genommen und es wird natürlich unterstellt, dass es sich um Juden und Christen handelt – der historische Zusammenhang dieser Verse wird verschwiegen.

Jetzt kann ich bei einem studierten Theologen wie Herrn Pohl-Schmidt nicht davon ausgehen, dass er nicht die Möglichkeit und Mittel gehabt hat, sich ein umfassendes Bild über den Islam zu machen. Selbst ich, die nicht theologisch ausgebildet wurde, bin in der Lage mir die nötigen Informationen zu verschaffen. Und in Herrn Prof. Kuschel, bei dem ich ein sehr informatives Seminar besucht habe, lernte ich einen katholischen Theologen mit fundierten Kenntnissen aller abrahamischen Religionen kennen, der als überzeugter Katholik dennoch ein ausgewogenes Bild des Islam vermitteln kann. Für Anfänger habe ich hier ein paar Informationen zusammengetragen (4 Artikel).

Also muss ich davon ausgehen, dass Herr Pohl-Schmidt wissentlich den Islam falsch darstellt, als eine kriegerische Religion, die “mit dem Schwert” verbreitet wurde und besonders den Juden feindlich gegenübersteht.

Herr Pohl-Schmidt bringt als Nachweis dessen eine Rezension eines Buches an, das von der Ditib vertrieben würde und viele islamische Aussagen über die angebliche Boshaftigkeit, Habgier und den Hochmut der Juden verbreiten würde. Ich kenne das Buch nicht und werde mal versuchen, etwas darüber rauszufinden. Wenn es tatsächlich in der Art gestaltet ist, dann ist das natürlich eine Schande.

Und: man darf es nicht abstreiten – es gibt einen verbreiteten Antisemitismus unter Muslimen. Leider. Dieser hat sicher eine Ursache darin, dass nicht alle Muslime sehr geschichtsinteressiert sind und sich mit sehr verkürzten Darstellungen historischer Ereignisse im ersten islamischen Staat von Medina zufriedengeben. Plus das zionistische israelische Regime, das dann gerne auch mit dem Judentum in einen Topf geworfen wird, obwohl es viele gläubige Juden gibt, die darin einen völligen Widerspruch sehen.

Selbstkritisch müssen wir Muslime wirklich sein, wenn es um die geschichtliche Bildung geht. Als Shiitin bin ich besonders an islamischer Geschichte interessiert und wir Shiiten stehen ja vielen Entwicklungen der frühen islamischen Zeit nach dem Propheten sehr kritisch gegenüber. Über Anlässe für kriegerische Auseinandersetzungen habe ich auch schon geschrieben – und über das sehr bedachte Vorgehen des Propheten, s.a.s.

Ich gebe zu, dass ich mit dieser Artikelreihe noch nicht weitergemacht habe, über die Zeit des Propheten hinaus, außer vielleicht in meiner Ashura Reihe aus dem Monat Muharram. Immer über Kriege zu schreiben ist natürlich auch deprimierend.

Wie gesagt – die Veranstalter haben sich bemüht, vorsichtig zu sein und der Hetze nicht freien Lauf zu lassen. Trotzdem waren genug Andeutungen (“wir wissen doch alle, was die Scharia ist, oder?” – natürlich wissen alle Bescheid und so wird auch nichts erklärt – für die, die doch was lernen wollen : nachzulesen bei eslam.de) Das erklärte Ziel der Veranstaltung war natürlich auch nicht eine unvoreingenommene Information über den Islam, sondern die Bestätigung eines bereits gefassten Urteils – man trifft sich ja, um die “Islamisierung” aufzuhalten.

Ich merke, dass ich eigentlich inhaltlich nicht viel über den Vortrag sagen kann – er war eben nicht besonders gehaltvoll. Vielleicht gehe ich noch auf ein paar Zitate näher ein, wenn ich den Tafsir dazu gelesen habe. Im Gegensatz zu Herrn Pohl-Schmidt, der es als Theologe eigentlich besser wissen sollte, weiß ich nämlich, dass einfaches Lesen und selbst interpretieren nicht die Methode ist, den Koran wirklich zu verstehen.

Also zum zweiten Teil, dem Vortrag von Thomas Groß, Pressesprecher der Christian Solidarity International, einer Organisation die sich mit der Menschenrechtssituation von Christen in nichtchristlichen Ländern beschäftigt. Auch hier: Selbstkritik darf nicht unterbleiben. Es gibt in der Tat in vielen muslimisch geprägten Ländern Übergriffe gegen Christen, sei es staatlich oder von Bürgern.

Herr Groß macht es geschickt – und hat auch nicht unrecht damit – indem er sich schlicht auf die Darstellung von Übergriffen und Verbrechen beschränkt, vorgeblich ganz unideologisch und nur an der Wahrheit und dem Leiden der Menschen interessiert. Recht hat er damit, dass diese Leiden schrecklich sind, dass Verbrechen geschehen die nicht zu entschuldigen sind. Tendenziös wird er dort, wo er so tut, als ob der Islam an diesen Verbrechen schuld wäre, während das in vielen zitierten Fällen nicht der Fall ist: im Irak werden nicht nur Christen entführt und christliche Kirchen bombardiert, in der Türkei sind die Morde an Christen nicht islamisch motiviert, sondern im Gegenteil nationalistisch. Die gepriesenen Menschenrechte werden gerade in den Ländern nicht umgesetzt, die besonders eng mit dem Westen verbunden sind: warum gibt es denn keine Sanktionen gegen Pakistan, Ägypten und die Türkei, wenn doch dort die Religionsfreiheit so mit den Füßen getreten wird? Warum wird total ausgeblendet, welche Schuld die ehemaligen Kolonialmächte an der für alle Bevölkerungsgruppen desolaten Situation in manchen Ländern Afrikas tragen?

Diese Themen blendet er aus und am Ende steht der Islam als Menschenrechtsfeindlich da – begründet auch anhand der Kairoer Erklärung der Menschenrechte im Islam. In der auch das Wort “Scharia” vorkommt – und – wir wissen doch was das ist – bedeutet das Handabhacken und Aufhängen. Und das Schlagen von Frauen. Das hatten wir auch schon mal.

Der Islam ist in den Augen dieser Leute eine Ideologie, keine Religion. Es fehlt jegliches Bemühen, die Spiritualität des Islam zu erkunden. Ich spüre die Angst der Leute und wie gesagt, wir müssen als Muslime selbstkritisch sein, was wir falsch machen. Allerdings liegt das falsche Benehmen so mancher Muslime an zu wenig Islam, wie ich immer sage, nicht daran, dass sie zuviel über ihre Religion wissen. Schlecht benehmen sich die, die ihre Religion nicht studieren und praktizieren.

Nur: an uns liegt es nicht alleine. Ich habe “Volkes Stimme” heute gehört. In diesem Fall hat man sich in einer “jüdisch-christlichen” Werteordnung eingerichtet. Gegen Juden geht es also nicht mehr. Ein anderes Feindbild muss her.

Ein paar Zitate, heute live gehört:

“Araber sind Läuse”

“Die Muslime müssen von ihrer Zwangsjacke befreit werden”

“Die Türken wollen nicht arbeiten”

“Muslime wollen nicht alle Christen bekehren, dann können sie sie ja nicht mehr unterdrücken (Steuern kassieren)”

“es wird krachen…..”

Ich belasse es mal dabei für heute nacht. Es gibt noch einige zitierte Stellen, denen es sich vielleicht lohnt nachzugehen, mal sehen was ich herausfinden kann. Insgesamt bin ich nicht in guter Stimmung dort herausgegangen, auch wenn es noch eine heitere Pointe gab, die hat Leo schon zitiert:

Zugabe:

Ganz zum Schluss ließ ein Herr aus meiner Alterskohorte und von vergleichbarer Korpulenz mal seine wuchtige Verschwörungstheorie raus: Rhetorisch gekonnt und in sympathischem Tonfall zeigte er auf, dass hinter dem Islam und der muslimischen Eroberung Europas — die Kommunisten stehen. Die Kommunisten! Nach ihren Niederlagen hätten sie einen neuen Weg eingeschlagen. Verkleidet als Sozialdemokraten und Grüne hätten sie die muslimische Flut auf Europa losgelassen, um letztlich von diesen eingewanderten muslimischen Massen an die Macht gehievt zu werden. Nicht eigentlich die Muslime seien also das Problem, sondern die Kommunisten. Das heißt einer wie ich!

Das Lachen bleibt mir dann aber wieder im Hals stecken, wenn dieser Herr – im Irak tätig – behauptet, es gäbe dort keine Uranmunition (“kommunistische Propaganda”) und deren Folgen (“der Krebs kommt vom süßen Essen und die mißgebildeten Kinder von der Inzucht”)





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